BELLA triste
 
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 Aus: Hildesheimer Allgemeine Zeitung vom 08.06.2006

Spiel unter Freunden
Neue „BELLA triste“ mit Gästen aus Leipzig

HILDESHEIM. „Die Geisteskultur ist gegenüber der Körperkultur in diesem Land auf dem Rückzug!“, mäkelte Elke Heidenreich in ihrer letzten „Lesen!“-Sendung vor der Sommerpause. Seitenhiebe in Richtung WM kommen gut an momentan, besonders beim weiblichen Publikum des Literatur-Fernsehens.
„Die beiden Kulturen vertragen sich sehr wohl!“, behaupten dagegen die Herausgeber der Hildesheimer Zeitschrift für junge Literatur „BELLA triste“. Jedenfalls stellten sie die Lesung der Feier ihrer fünfzehnten Ausgabe jetzt unter das Motto „Auswärtssieg“.
Dabei handelte es sich eigentlich um ein Heimspiel mit Gästen: Als einziger Hildesheimer trat im Ballsaal des Trillke-Guts Thomas Klupp für den Studiengang „Kreatives Schreiben“ an, ihm gegenüber stand eine dreiköpfige Mannschaft vom Literaturinstitut Leipzig.
Der 1975 geborene Thomas Pletzinger machte lesend den Anfang – und für seinen Helden Franz Bruck gleich jede Hoffnung zunichte, je wieder in das runde Leder zu treten. Denn ihm soll mindesten ein Bein amputiert werden. Fluchend liegt er im Krankenhaus und wundert sich über den eigenen Verfall ebenso wie über den exorbitanten Hintern der Krankenschwester: „Wer hat sich denn so einen Arsch ausgedacht?“ Das ist drastisch und auf leicht ekelige Art sehr komisch.
Thomas Klupp entführte die Zuhörer mit einem Ausug aus seinem Romanprojekt „Die Bewegung“ lieber ins „akademische Pornomilieu“. Seine Hauptfigur, ein wissenschaftlicher Assistent, stöhnt höchstens noch aus Langeweile über waghalsige Kopulationsszenen, die er im Internet recherchiert. Auf der Idee „Sex und Wissenschaft“ ruht sich der Text denn auch ein wenig aus – zum Lachen ist der medizinisch-exakte Jargon dennoch.
Dagegen geht es bei Simon Roloff, obgleich er nebenbei an seiner Doktorarbeit sitzt, eher salopp zu: Er berichtet in einer Mischform aus Lesung und Familienfoto-Präsentation von seinem Opa, der bei einem Spiel der Dorfmannschaft den Schiedsrichter erst abschoss und dann freimütig ersetzte.
Saša Stanišić, dessen Debütroman „Wie der Soldat das Grammophon repariert“ im Herbst erscheint, verlas mit zitternder Stimme einen Liebesbrief ans Spiel der Spiele. „Den Ball aufpumpen; der erste Schuss danach ist wie Süßes nach dem Mittagessen“. Fußballpoesie!
Literatur ist zwar kein Mannschaftssport, doch zur Hochform liefen die vier erst auf, als sie sich zur Live-Lese-Performance verbündeten: Da gingen dann unter anderem zwei Fußballchaoten namens Äcki und Bochum mit einem Oberpfälzer Mormonen zum Döneressen.
Nun taucht keiner der vier Autoren in der aktuellen „BELLA“ auf. Das ist schade, andererseits erhielt die Release-Party so eine angenehme Eigenständigkeit, statt zur Verkaufsveranstaltung zu geraten. Und es bleiben noch genug frische Texte übrig, mit denen man es sich – zwischen den Spielen! – gemütlich machen kann.

TREFFEN Poetiken der Gegenwart