Zeitschriftenlese April 2005
VON MICHAEL BRAUN
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Was aber haben die poetischen Nachgeborenen zu sagen, die ganz jungen Dichter um die Dreißig? Die Lyrikerin Ulrike Draesner hat in Heft 11 der Zeitschrift „BELLA triste“, einem der intelligentesten Periodika für junge Literatur, die Suchbewegungen auf dem Terrain der jungen Lyrik untersucht. Zwar formuliert sie zunächst so etwas wie eine Vermisstenanzeige. Niemand in der jüngeren Poesie sei zu erkennen, der wie Durs Grünbein darauf abziele, der politisch-gedanklichen Gravur unserer Zeit auf den Grund zu gehen. Kein Autor könne es mit dem historischen Wissen eines Lutz Seiler oder der spracharchäologischen Forschung des soeben verstorbenen Thomas Kling aufnehmen. Aber – und dann folgt der positive Befund – eine Bewegung sei signifikant: die „Beugung hinab zu den kleinen Dingen – und durch sie hindurch“. Draesner bescheinigt der jungen Lyrik – und namentlich den Gedichten von Marion Poschmann, Monika Rinck, Daniel Falb und Anja Utler – eine punktuelle, zarte, am Detail orientierte Wahrnehmung, denn es gehe um „Übungen der Zugewandtheit“. Vor allem aber finden sich: „Naturschriften überall.“ Diese „Naturschriften“ sind im Bewusstsein verfasst, dass eine mythisierende Einfühlung in den Naturstoff nicht mehr möglich ist. Wir haben es mit einem Lobgesang zu tun, der etwas posthum besingt, etwas Vergangenes, das zwar abhanden gekommen, aber noch immer sichtbar und wünschbar ist. Eine Kapitelüberschrift bei Marion Poschmann gibt einen lakonischen Hinweis auf dieses Programm der jungen Lyrik. Sie lautet: „Nach der Natur“.