![]() | Steffen Popp: Freies geistiges Operieren Leseprobe aus BELLA triste Nr. 14 |
| Zurück zur Übersicht Jetzt bestellen |
Steffen Popp
Freies geistiges Operieren
Gefragt, geschnitten und editiert von Katrin Zimmermann
Die Zimmerwahrnehmung bezieht sich auf sentimentalische Abtropfgeräusche an den Verblechungen, urbanes Quellmurmeln in den Fallrohren. Der Himmel ist bedeckt: Legenden von reinen Elementen belasten den Dichter nicht mehr. | Prosa ist voll, reich, bestenfalls bringt sie Klugheit und Frohsinn mit. Ist das Projekt der langen Zeit. Braut durchaus Eigensinn, beruht letztendlich aber auf externer Kraft. Da ist dann Stifter gut. Soviel zum Geist: wo der endet, brütet evtl. Gedicht: ihm eignen Sorgfalt, Verstiegenheit, unstilles Blut - Denken und Sprache sind sehr ungeeignet, weiß es. | Was da sich noch erhebt, darf sich dann lyrisch nennen. Verfeinertes Projekt, bildet die kleinsten Hämmer um den größten Schlag. Redet nicht sehr, setzt mehr als Prosa auf das fremde Hirn, dessen Berührung mit dem eigenen Komplex. Materie, wenn es das gibt, erlebte Wirklichkeit: kommt hier wie eine Droge, von Künstlers Hand motorisch aufgeschlossen, bindungsfreudig rein. | Gedichte selbst verändern erst mal nichts. Sind aber Beispiel dafür, wie freies geistiges Operieren laufen kann. Das Medium verschlechtert sich mit jedem Kompromiss. Ist zivilisatorisch fortgeschritten, da Sprache Perspektiven nah am Denken formuliert, und maximal lebendig, da Umsetzung hier lediglich formal, in einer Vorstufe, einem Entwurf von Wirklichkeit geschieht. | Das Set der Welt hingegen, mit dem wir uns befassen und das wir selber sind, kann sich in jeder materiellen Form realisieren. | Die Phänomene sind das Feld, in dem ich schreibe, esse, manchmal identisch bin. Was mich erreicht, ist wichtig: wie der Komplex, der mich fundiert, auf Welt hin ausgerichtet ist. Aus diesem Feld kommt gleichermaßen das Gespür für Text: ein künstliches Organ am Rand der Sprache, die, wo sie eintritt, immer nur Sprechen, Handlung, konkret und gegenständlich ist. | Also die Dinge sind wichtig, wenn sie ermöglichen, dass ich sie „einfach" nenne. Komplex ist alles: jeder Aspekt der Welt übersteigt mich, die Grenze des Dings ist die meine: fordert, über mich selbst hinaus, direkt zu Forschung auf. Das einfache, für mich in sich geschlossene Ding bündelt die Energie: aufmerksame Ausrichtung, Einstellung und Vertiefung sind hier am besten möglich. | Hirnlose Monstren sind okay, schwanzlose nicht. Engel sind Köpfe, die lieb' ich wenig. Sie selber lieben, berühren nichts. Totes Gezücht, letztlich psychotisch, denke ich. Deko für Platonisten - zumindest für den christlichen Engel, in Ordnungen geknechtet, gilt das leider sehr. Andererseits: nicht unplausibel scheinen helle, flugfähige Dämonen, denen mehr gelingt. | In einem seiner Träume schwimmt Fühmann mit Freud im Meer. Baden mit eigenen Komplexen, gut. Wie Ilse Aichinger sagt, das Ende des Traums ist das Ende des Träumens. In meinen Träumen leben oft schöne Frauen. Lebt Wasser, Stein. Stirn öffnet sich, wird weit, Vögel und Sonnen treten aus. Manchmal Gespräche, die nicht vergeblich sind: zwischen den Elementen allerdings zu wenig Stille. | Gelungene Kommunikation ist, wenn die Zeichen Körper und Welt nicht deformieren, sondern die Interaktion, die einzig wahre Wirklichkeit der Individuen verfeinern und vertiefen. | Sein, im Sinn von Wirklichkeit, ist nur an den Rändern der Welt. Nicht sicher, ob unsere Grenz-Anwesenheiten noch mit Territorien verbunden sind. Wenn es sie gibt: sind Territorien beschränkt, ebenso weit, wie eine Perspektive sich dehnen kann. Sind Perspektiven Strategien, auf limitierter materialer Basis maximale Gebiete zu assimilieren: also in Netzen, Rhizomen, Geometrien, die unglaubliche Weiten einfalten, wie auch Organe, etwa Lungen, und, stärker noch, Gehirne. | Was ist ein lohnenswertes Projekt - ein planetarisch wirklich relevantes Ding? | Die maximale Freiheit des Entwurfs - wo Denken nicht von dieser Ebene ausgeht, kann es nur Wiederholung generieren, affirmative Muster, die letztlich niemandem von Nutzen sind. | Rasch sieht man, dass die relevanten Fragen solche der Technik sind. Technische Projekte gehen auf materielle Hebel zurück, die Welt bewegen und entsprechend tief im ökonomischen System, das die Verteilung von Ressourcen regelt, eingebunden sind. Neunzig Prozent der Dinge in unserem Leben sind aus diesem Grund suboptimal bis direkt schlecht. Verhunzen den Planeten. | Die Elemente des Gedichts entstehen nicht am Tisch: die meisten glühen ungefasst an den sensorischen Rändern, bis nach nicht allzu langer Zeit alles in Nacht zurücksinkt.