BELLA triste
 
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Kai Splittgerber: Blauer Wacholder
Leseprobe aus BELLA triste Nr. 14
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Kai Splittgerber
Blauer Wacholder

In Sandras Händen wechselt die Seife hin und her. Der Dampf, der aus dem Waschbecken steigt, den Spiegel beschlägt, aus dem schmalen Dachfenster ins Freie strömt. Ich ziehe das Hemd aus, auf dem die eingetrockneten Blutflecken dunkelbraun geworden sind. Sandra streicht über ihren BH. Ich wasche unsere Sachen, sage ich und Sandra nickt und legt ihre geröteten Hände um meinen Nacken und beißt mir in die Brust. Ich löse den Gurt, nehme die Tasche vom Beifahrersitz, schaue in den Rückspiegel, öffne die Autotür. Ein Schlag reißt die Tür aus meiner Hand, der Radfahrer fliegt vornüber an mir vorbei und schlägt mit dem Kopf auf den Asphalt. Der Bus auf der gegenüberliegenden Fahrbahn hat angehalten. Sandra steigt aus. Ich stütze den Kopf des Fahrradfahrers, seine Stirn ist blutverschmiert, meine Finger, meine Hände, mein Hemd. Die Lache auf dem Asphalt läuft langsam in einen nahe gelegenen Gully. Daneben liegt das Fahrrad, Sandra nimmt aus der Satteltasche eine schwarze Lederjacke, in die eine Duellierpistole gewickelt ist. Sandra lächelt, ich lächle zurück und sage, halt du mal, ich muss den Krankenwagen rufen. Der Kopf in meinen Armen röchelt kehlig, der übrige Körper beginnt zu zittern, zittert immer heftiger. Ich sehe auf Sandra. Sandra liegt im Sand. Der weiße Himmel, das weiße Meer, der weiße Sonnenschirm, unter dem Sandra liegt. Ihre sandbedeckten Haare, das aufgeschlagene Buch neben ihrem Kopf. Sandra liegt, die Arme um ihre Schultern geschlungen, die Beine angewinkelt. Sandra sinkt in den Sand. Das Bild biegt sich, wird schwarz an den Rändern, verlischt in einer rotblauen Flamme. Ich schließe die Augen und lasse das Album in den Kamin fallen.
Tu es nicht, sagt Karen am anderen Ende der Leitung und fragt gleich darauf wieder, weißt du, was du da tust? Ihre Stimme wird durch ein Schluchzen gebrochen. Verbrenn ihre Fotos, sagt Karen, vergiss sie, verbrenn ihre Fotos. Noch kannst du alles vergessen. Steig in den Zug und komm zu mir, in der Wohnung ist dein Zimmer frei, ich habe es gestern gestrichen, in Gelb und wenn du Gelb nicht magst, streichen wir es in Grün oder Bordeaux. Aber lass das bleiben, stell dir vor, es wäre Christophs Plan, sie würde ihm genauso helfen und du weißt nicht einmal, ob Sandra bleibt. Du musst etwas für mich tun, sage ich zu Sandra, ruf Christoph morgen an, sag ihm du würdest mit dem Fahrrad kommen, komm dann aber mit dem Bus. Sag Christoph, du triffst ihn am Supermarkt, hinter der Haltestelle oder sag es ihm nicht, aber dann steige ich in den Zug und fahre zu Karen, dann sehen wir uns nie wieder. Sandra lächelt, ich lächle zurück. Sandra fährt mit ihrer Zungenspitze, die kalt ist, meinen Nacken entlang. Weiter, sage ich, mach weiter Sandra, doch Sandra zieht die Zunge ein. Sie dreht sich auf die Seite, zeigt mir ihren muttermallosen Rücken und küsst Christoph auf die Stirn. Jetzt also nur noch du und ich und Sandra, sage ich zu Christoph, Sandra wird sich entscheiden und dann wirst du verschwinden oder ich. Christoph kaut an seinen schwarz lackierten Fingernägeln und lächelt. Die schwarzen Lacksplitter zwischen seinen Zähnen, die abgekaute Nagelhaut an seinen Fingerkuppen. Er reckt sich, seine Lederjacke knarrt. Ich drehe ihm den Rücken zu, im Flur stehen Karens gepackte Koffer. Karen fragt Passanten, ob sie einen Kuss bekommt. Nein, sagt ein Medizinstudent, man kann davon Mononucleosis bekommen und all das andere Zeug, der Mund ist der dreckigste Teil des Köpers. Sandra greift nach meinem Hals, zieht an der Haut, zieht mich zu sich, leckt mir einmal quer über die Lippen. Wenn wir in einem Club wären, sagt der Medizinstudent, ich angetrunken wäre und du weniger anhättest, dann hättest du vermutlich bessere Chancen. Ich möchte den Kuss aber jetzt auf der Straße, sagt Karen, nimm es nicht persönlich, sagt der Medizinstudent, das tue ich nicht, lacht Karen, der Medizinstudent geht weiter. Wir müssen reden, sagt Karen und nimmt mich mit in ein Hutgeschäft. Vor dem Spiegel probiert sie einen weißen Panama. Ich drücke der Verkäuferin einen Stapel Hüte in die Hand. Weißt du noch, fragt Karen, dass du mir diesen Kuss gegeben hast? Die Verkäuferin zieht sich auf meinen Blick hin wieder zurück hinter die Theke. Ich gehe fort, sagt Karen und schaut mich im Spiegel an, so geht es nicht mehr, das weißt du, das habe ich dir immer wieder gesagt. Komm mit mir, sagt Karen, lass Sandra, lass Christoph und komm mit mir. Die Wohnung ist groß, du hast dein eigenes Zimmer, das streichen wir zusammen, morgen packe ich meine Koffer. Sie kauft den weißen Panama, vor dem Geschäft küsst Sandra den Medizinstudenten, Christoph biegt mit seinem Fahrrad in die Fußgängerzone, klingelt zur Begrüßung, steigt vom Sattel, zieht seine schwarze Lederjacke aus, zieht die Fahrradklammern von den Hosenbeinen, die Brandwunden an seiner Hand sind immer noch rot. Ich richte die Duellierpistole auf Christoph. Sobald Sandra das Taschentuch fallen lässt, drücken wir ab, sage ich. Von den Tannenwipfeln fällt Schnee auf das Dach der Jagdhütte. Das kann doch nicht wahr sein, schreit Karen und fuchtelt mit dem Taschenlampenlicht in meinem Gesicht herum, tu das nicht, das Ding explodiert doch noch in deiner Hand. Aus Sandras Fingern fällt das Taschentuch, die Duellierpistolen in unseren Händen knallen. Ich knie nieder und sammle Steine aus dem Schnee. Im Wohnzimmer schneidet Christoph mit dem Küchenmesser China-Böller entzwei, kratzt das Schwarzpulver aus der Verschalung. Auf dem Beistelltisch liegen die Duellierpistolen, daneben die Zahnbürste, mit der Christoph die Läufe gereinigt hat. Das kann doch nicht wahr sein, schreie ich Christoph an, du wolltest doch das Blei besorgen, was ist denn das für ein bescheuertes Silvester, an dem man kein Bleigießen macht. Christoph beachtet mich nicht, leckt weiter Sandras Beine ab, seine Lippen sind immer noch blau. Ich trete ihm in den Bauch, Christoph lacht schallend und zeigt mit dem Finger auf mich, ich werfe mich auf ihn, Sandra spreizt ihre Beine, drückt Christoph und mich auseinander. Ich habe noch ein paar Paracetamol in meiner Handtasche, sagt Karen, ich habe gehört, die kann man rauchen, das wäre doch zumindest etwas. Ich versuche, Christoph zu würgen, der sich in meinem Arm festgebissen hat, ich lasse Christophs Hals los. Was machen wir denn jetzt, frage ich und Christoph lächelt und zieht aus der rechten und linken Tasche seiner Lederjacke jeweils eine Duellierpistole. Ich atme schwer, ich gehe zur Tür, draußen beginnt es wieder zu schneien. Karen fängt Schneeflocken mit dem Mund. Über den Tannenwipfeln wird das Grau des Himmels immer dunkler. Wir haben uns verlaufen, lacht Karen, gib es zu, wir haben uns völlig verlaufen. Sandra trägt ihren Fuchsfellmantel und setzt ihre Füße in den Schnee. Christoph hat sich in den Unterarm geschnitten und markiert unseren Weg. Wie bescheuert muss man sein, lache ich und schlage auf Christophs nasse Lederjacke, in der Dunkelheit sieht man die Blutspuren doch gar nicht. Weißt du, sagt Karen und zieht mich beiseite, warum fahren wir nicht einmal wieder alleine in den Urlaub, ohne Sandra und Christoph, wir könnten im Frühjahr an den Atlantik. Sandra lässt sich in den Schnee fallen, ihr Fuchsfellmantel öffnet sich ein Stück. Christoph steht über ihr, von seinem Unterarm tropft Blut auf Sandras ausgestreckte Zunge. Ein Kätzchen saß auf einem Teller, singt Karen, splitternackte Wesen sind so haarig. Sie greift nach meinem Mantelkragen und küsst mich auf den Mund. Wir haben uns im Wald verlaufen, lacht sie und wirft sich neben Sandra, rudert mit Armen und Beinen, so dass ein Schneeengel entsteht. Christoph lächelt mir zu, seine Lippen sind blau angelaufen. Wir sollten die Hütte schnell wieder finden, lache ich, die Nacht wird verdammt kalt. Wir kommen zu einem Baumstamm, der quer über dem halbvereisten Bach liegt. Nach dir, sage ich zu Christoph. Karen lacht wieder. Karens Haare im Kamm, die Sandra nicht bemerkt, als sie sich am Toilettentisch frisiert. Ich blicke aus dem Fenster, im Sonnenschein fährt Sandra mit dem Fahrrad durch das Gartentor, im Arm hält sie eine Brötchentüte, ihr Kleid ist zerknittert. Ich gehe ans Bett und küsse Karen wach, sie räkelt sich unter dem Laken. Wo ist Sandra, fragt sie. Wo ist Christoph, frage ich. Sandra schüttelt den Kopf und setzt die Hennessy-Flasche an ihren Mund. Karen sitzt am Klavier und beginnt zu spielen. Ist das die Mondscheinsonate, frage ich Sandra, Sandra nickt. Man kann doch heute nicht mehr die Mondscheinsonate spielen, sage ich, da macht man sich doch völlig lächerlich, ich stoße Sandra an, das musst Kai Splittgerber / Blauer Wacholder du Karen doch sagen. Karen hämmert daraufhin den Flohwalzer in die Tasten, torkelt vom Klavier und fällt neben Sandra auf den Teppich. Sandra und Karen küssen sich, ich sinke vom Sessel und öffne den Reißverschluss von Sandras Kleid, Sandra dreht ihren Kopf nach hinten. Sandras Gesicht, das augenlos ist, nur Mund und Nase, Sandra, die Haut und Hauch ist, deren Nase aus dem Gesicht rutscht, ich schreie. Vorsicht Sandra, rufe ich, als ich in Sandras Spur fahre. Karen lacht und reißt ihre Arme hoch, fährt freihändig Schlenkerlinien. Sandras Pedaltritte, die gleichmäßig sind, sie fährt mit geradem Rücken, ihr Sommerkleid flattert im Abendwind. Ich schaue nach hinten, sehe noch, wie Christoph in einen Straßengraben fährt, rufe, los, weiter, schneller, und küsse Sandra im Vorbeifahren auf die Wange, greife Karens Hand, wir fahren Hand in Hand Schlenkerlinien. Beim Briefkasten halten wir an und werfen eine Postkarte nach Frankreich ein. Ich öffne die Tür und drücke dem Postboten ein Trinkgeld in die Hand. Im Flur sortiere ich die Sendungen in drei Stapel. Eine Postkarte aus Frankreich zeigt Sandra, Sandra liegt im Sand. Der weiße Himmel, das weiße Meer, der weiße Sonnenschirm, unter dem Sandra liegt. Ihre sandbedeckten Haare, das aufgeschlagene Buch neben ihrem Kopf. Sandra liegt, die Arme um ihre Schultern geschlungen, die Beine angewinkelt. Auf der Rückseite der Karte schreibt Christoph Liebe Grüße, das Foto von Sandra habe er mit meiner alten Leica gemacht, er wünscht mir alles Gute. Auch ein Brief vom Oberamtsgericht ist unter den Sendungen, mir schreibt die Oberamtsanwältin. Sehr Geehrter, schreibt die Oberamtsanwältin, in dem Ermittlungsverfahren gegen Sie beabsichtige ich, gemäß § 153 Absatz 1 StPO von der Erhebung der öffentlichen Klage abzusehen und das Verfahren einzustellen. Etwaige zivilrechtliche Verpflichtungen oder Ansprüche bleiben durch die Einstellung des Ermittlungsverfahrens unberührt. In einem Wiederholungsfall können Sie jedoch mit einer Einstellung des Verfahrens nicht noch einmal rechnen. Hochachtungsvoll, die Oberamtsanwältin. Karen sitzt am Klavier. Schau mal Karen, sage ich und lege ihr den Brief auf die Klaviatur, erinnerst du dich an den Unfall mit dem Fahrradfahrer? Sandra kommt in den Raum und küsst meinen Nacken. Sie nimmt einen Apfel aus der Obstschale, die auf dem Klavier steht. Spiel die Mondscheinsonate, sage ich zu Karen, draußen ist es so schön warm, die Sonne scheint. Vor dem Fenster fährt Christoph in den Garten, klingelt zur Begrüßung. Er hebt die Satteltaschen vom Gepäckträger, zieht seine schwarze Lederjacke aus, zieht die Fahrradklammern von den Hosenbeinen, zieht aus der Satteltasche eine Duellierpistole, winkt mit der Pistole in der Hand. Ich winke zurück. Was haltet ihr davon, wenn wir Silvester wieder mal in der Jagdhütte feiern, frage ich Karen und Sandra. Sandra streichelt Karens Haare. Karen setzt ihre Finger auf die Tasten, der erste Ton erklingt.

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