![]() | Michael Angelmi: Paulina Leseprobe aus BELLA triste Nr. 14 |
| Zurück zur Übersicht Jetzt bestellen |
Michael Angelmi
Paulina
(Auszug)
Der alte Mann hatte sich entschieden, vor der Zeit zu gehen. Seine Leiche trieb unterhalb der genannten Klippen. „Und du? Und du? Und du?", sagte Paulina zu Alexej. Kein Ausbruch inneren Gesteins. Kein Erdbeben, ein Selbstmord bloß. Sehr umständlich näherten sich kleine Boote. Alexej erinnerte sich, wie schön es gewesen war. Helfer fischten nach dem schaukelnden Körper und hatten zu kämpfen, als sie die steife Masse an Bord zogen. Das linke Bein schlug auf den Boden, nur deshalb spritzte Wasser auf. Das Gesicht kippte erst jetzt nach oben, sehr weiß und faltenfrei. Die Kleidung war die, in der sie ihn zuletzt gesehen hatten. Es war nicht Abend, sondern Morgen. „Wie bei schon wessen Tod?", fragte Steinau. In gewissem Abstand zur Kante stellte sich Nilski auf und bat die anderen, ihm darin zu folgen. Die Freunde brauchten den Toten nicht, aber mütterliche Liebkosungen. Das Meer ließ den Booten unten keine Ruhe; gerade so prallten sie nicht gegen die Felsen. Für die Zuschauer oberhalb hörten die Mutmaßungen auf. Sie wussten sich mehr als sonst gehasst. Ja, der freundliche Mann, dem die Insel ihr Gedächtnis verdankte, hatte sich das Leben genommen. Giavotto eben. Der Mann, den Alexej zu seinem Brautführer ernannt hatte. Jemand schob seinen Kiefer nach vorn, wie um einen kindlichen Streich zu missbilligen. Jemand schoss Fotos, was sie ertrugen, insofern er dabei einen Arm über den Abhang streckte, dem Toten den Weg in den Himmel zu weisen. Die übrigen holten ihre aufrichtigsten Gebete hervor. Der fremde Tod war ein guter Anlass, das eigene Leben zu bereuen. Die Sonne leuchtete das Geschehen besser aus als eben noch. Sie sahen jetzt, dass die Farbe der Felsen mehr ins Bräunliche spielte. Die Brandung sprühte nicht sehr hell, aber drohte unaufhaltsam. Wer noch hinzukam, wusste sofort um den Namen des Toten. Einmal hob Astley den Zeigefinger und forderte sichtlich Ruhe. Dem Jungen, der gleich zu Anfang geweint hatte, wurde es zuviel. Er lief zurück, langsam genug, um einen Anruf entgegenzunehmen. Sein Blick über die Schulter bat um Verzeihung, aber erreichte nicht alle. Die Hand am Ohr ging er weiter, den schmalen Weg im Gestrüpp suchend, der ihn heraufgeführt hatte. Welche Erlösung es bedeutete, dass man den Weg wirklich in beide Richtungen, von unten wie von oben kommend, einschlagen konnte, ließ sich denken. Die Aufmerksamkeit der übrigen aber wandte sich noch einmal dem Leichnam zu, über den nun die Männer stiegen, um die Abfahrt des Bootes in die Wege zu leiten. Während sie den Toten bedeckten, war kein Bedauern festzustellen, auch an dem Toten nicht. Das Tuch sog sich unmittelbar fest, das Gesicht strömte aus ihm heraus, was Beifall fand. Zwei der anderen Boote verharrten noch und retteten denjenigen das Leben, die den eigenen Sprung in die Tiefe anschließen wollten. Auf dem Rückweg erzählten Nilski und Steinau so eindringlich von der Entdeckung der Leiche, dass selbst Alexej glaubte, von Anfang an dort gewesen zu sein. Die Luft schmeckte nach dem grauen Schaum, den die Wellen an Land spülten, wenn man sie ließ.
Sie wussten nicht, ob ihre Einheit zerfiel. Gemeinsam geschwiegen hatten sie bisher nicht. Alexej umarmte Paulina, um an ihrer Schulter traurig zu sein. Auch sonst schien keiner in der Lage, angemessen auf das Ereignis zu reagieren. De Grieux räusperte sich, so leise er konnte. Die Milch wurde kalt, auf dem Tisch standen noch weitere Reste des begonnenen Frühstücks. Alexej sollte später in die Küche kommen, um die verlorene Mahlzeit aufzuholen und sich die anstehende Verbrennung des toten Mannes auszumalen. Sie konnten jetzt nicht einmal die Sprache der Kinder missbrauchen, um die eigene Unsicherheit zu verstecken. „Meine Geschwister wachsen im Moment an anderen Fragen", sagte Paulina. In ihren Briefen stritten die Tiere, die sie liebten, mit denen, die sie hassten. Um vielleicht doch noch die Lücke zu klären, die ein Mensch hinterließ, saßen die beinah Trauernden den ganzen Vormittag beisammen. Wie es aussah, hatten sich aus der kühlen Luft des Morgens haltbare Wolken gebildet, die über der Insel ihre Bahn zogen. Von Vorteil war, dass Alexej nicht genug Vertrauen in den alten Mann gefasst hatte, um lange betrübt zu sein.
Sie sprachen von anderen Dingen, aber nicht den gewohnten. De Grieux rückte von einigen Meinungen ab und zögerte, als er sich nachschenkte. Ihre Eltern waren bereits tot oder nur am Leben, um noch ein paar Jahre zu leben. Ihre Großeltern hatten sie kaum gekannt. Hie und da blieb die Sonne weg. Alexej spürte, wie ein Tropfen Blut seine Nase von innen befeuchtete. Aber es war wieder ein Lied, das jemand für wenige Sekunden auf den Lippen hatte, das die meisten Bilder auslöste. Wer anfing selber zu denken, schaufelte sich sein eigenes Grab. Die alten Weisheiten taten nichts zur Sache. „Aber auch gar nichts", sagte Steinau. Die Vorstellung, der alte Mann wäre einer Untat zum Opfer gefallen, war so abwegig, dass sie niemand in Betracht zog. Stattdessen liefen stille Tiere vorüber, die einen Ort suchten, der abseits lag, um zu verenden. Die Freunde rauchten die Zigaretten, die jemand anbot, und versuchten erfolglos, sich von den Dämonen ihrer Kindheit zu befreien.
Als sich das Blatt dann gegen ihn wandte, ließ sich Alexej nicht aus der Fassung bringen. Er begriff gleich, worauf sie hinaus wollten. In der Tat hatten sie keine andere Möglichkeit, als die Trauerarbeit ihm aufzutragen. Er gestand ihnen das gerne zu. „Schließlich liebte er mich und nicht euch", sagte er. Als ein Fenster lärmte, schickte er Steinau hoch, es ordentlich zu verschließen. Der alte Mann war ihm nahe gekommen und hatte sich dann auf brüske Weise entfernt. Wer wollte den Zusammenhang nicht geltend machen? Sie saßen noch immer auf der Terrasse und verrückten ihre Stühle mit der wandernden Sonne, solange es lohnte. Ob sie je einen besseren Ort finden würden, um sich miteinander zu beschäftigen? Sie würden sich wieder fangen. Ihnen war ja keiner genommen, der bei den Siegen ihrer Jugend eine Rolle gespielt hatte. Dort, wo es weniger weh tat, hatte der Schlag getroffen: unter südlicher Sonne, als Anmerkung unter alten Freunden. Wenn sie sich bemühten, hatten sie ihn noch vor Ende des Sommers vergessen, also bald. Alexejs Plan, die Welt zu echter Liebe zu bekehren, verlor seine Gültigkeit nicht. „Das wollen wir ja sehen", sagte de Grieux, der es nicht lassen konnte. Gleichmäßig rauschten Wellen herüber, verursacht vom Eintauchen anderer Körper. An den Hügeln schlossen sich die Schatten zu einer schmalen Linie, die sie erst im nächsten Jahr wiedersehen würden.
Alexej verlor zum wiederholten Mal den Faden, als die Frau des Toten schließlich auf den Plan trat. Hier lag offensichtlich ein Versäumnis vor. Um zu entdecken, was es mit dem Rauch auf sich hatte, der über den hinteren Häusern stand, hätten sie jetzt dorthin gehen müssen. Die Frau aber verlangte nach Geschichten aus erster Hand, um ihr Leben wieder in Gang zu setzen. Sie sagte: „Ich bewege mich unter dem Vorbehalt, mich immer nur falsch bewegt zu haben." Sie litt unter der Gewissheit, wieder ins Leben zurückzufinden. Wenn er sie gebeten hätte, wäre sie mit ihm gesprungen. Um ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen, bildete der Himmel ein schwarzes Quadrat in ihrem Rücken. Um ihr Gesicht zu verbuchen, brauchte es die Bilder klagender Soldatenmütter, die vor allem den anwesenden Russen hinlänglich bekannt waren. Die Frau wollte den alten Mann nicht schon tot geheiratet haben. Die Terrasse, die sie betrat, war dabei umgeben von verstrauchtem Gelände. Ein Stuhl aus gelbem Holz stand bereit, ihre Arme regten sich nur, um zur Lehne zu greifen. Als sie sich setzte, fielen sie gleich zurück an den Körper. Womit aber zu rechnen gewesen war: Alexej fand die richtigen Worte. Sein Bericht milderte das Ausmaß ihrer Bestürzung merklich. Steinau musste nicht eingreifen, um ein fehlendes Wort zu ergänzen. Alexej hatte den Mann gekannt, und anders als jener enttäuschte er die Erwartungen nicht. Und dann nahm die Witwe sogar den Umstand tröstlich auf, dass alle bei der Bergung der Leiche zugegen gewesen waren. "Des toten Giavottos", sagte Paulina. Als sie am Abend baden gingen, sahen sie das Meer mit neuen Augen, wie sie einander versicherten.