BELLA triste
 
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Die Redaktion: Editorial
Leseprobe aus BELLA triste Nr. 14
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Die Redaktion
Editorial

Manchmal träumt BELLA von längst vergangenen Sommern. Früher, so scheint ihr dann, vor ein paar Jahren nur, war alles einfacher. Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur hatte ihre Begriffe, Schulen, Hallräume. Adjektive wie „carveresk", Schablonen wie „Popliteratur" oder „Fräuleinwunder" konnten ganze Poetiken, ganze Autorenbiografien wirkungsvoll umreißen. Die damaligen Etikettierungen machten die Dinge aber nicht bloß einfacher, sondern beschränkten sie auch. Die Komplexität der Gegenwart wurde kaum noch in die einzelnen Stimmen der jungen Literatur hineingelesen, die Aufmerksamkeit blieb meist an übergestülpten Kategorien hängen.

Da stimmt es BELLA geradezu euphorisch, dass in diesem Frühjahr alle größeren Einnischungsversuche beendet zu sein scheinen. Eigenständige Erzählansätze werden weithin wieder als autonom und individuell wahrgenommen. Und der Gegenwartsliteratur tut es gut, einmal nicht zurechtgestriegelt zu werden. Sie strotzt nur so vor radikalen, wilden Schreibansätzen, vor Autoren, die dem Leser die Welt bewusst unbegreiflicher präsentieren wollen, als er selbst sie wahrnehmen würde. Einige dieser neuen Rätselschreiber und Illusionisten, Randständler und Verdichter hat BELLA in der vorliegenden Ausgabe versammelt.

In „Blauer Wacholder" lässt Kai Splittgerber das Beziehungsgeflecht vierer Freunde zu einer Scharade von Verletzungen und Intrigen gerinnen. Chronologisch und scheinbar harmonisch ineinander übergehende Versatzstücke verdichten und zerreißen die Geschichte gleichermaßen. Ungleich ruhiger umkreist Michael Angelmi im Romanauszug „Paulina" seine Protagonisten, die sich in einer Art zeitlosem Raum bewegen. Der Selbstmord eines der Ihren gewährt Einblicke in eine utopisch geschlossene Inselwelt, die sich in den reflexiven Beobachtungen von Wellen- und Sonnenbewegungen beinahe aufzulösen scheint. Eine geradezu schwere Kargheit durchzieht die Erzählung „Eisfischen" von Björn Kern, in der der Protagonist dem psychischen Verfall seiner Mutter macht- und tatenlos zusehen muss.

Die Lyrikbeiträge dieser Ausgabe stammen von Carl-Christian Elze und Daniela Danz. In seinen Gedichten zoomt sich Elze pixelgenau in Erinnerungsbilder hinein und offenbart lyrische Strukturen, die wie digitale Bilder auf Dichte und Distanz zu beruhen scheinen.

In der Interviewreihe phon tritt Dietmar Dath dafür ein, Drastik und den Umgang mit ihr als eine notwendiges Thema der Literatur zu akzeptieren. Literatur muss sich seiner Meinung nach ihren Themen annähern, indem sie das „Denkbare" im Sinn einer elaborierten „Spekulativen Phantastik" oder „Science-Fiction" ausspinnt. Das zweite „poetologische Polaroid" unserer noch jungen Reihe cut wurde von Steffen Popp geschossen. Mäandernd führt er sich und den Leser an den sensorischen Rändern seiner Wahrnehmung entlang und lässt so Elemente und Bausteine seines Dichtungsverständnisses erkennbar werden.

Der Bildteil von BELLA triste steht in dieser Ausgabe erstmals geschlossen an einer Stelle. Das Bestiarium von Sebastian Faeth präsentiert ein Dazwischen von Animalischem, Politischem, markant Innerlichem. Ums nackte Menschsein dagegen geht es den Sonnenbadenden unseres Gestalters Wladimir Miller, deren minimale Bewegungen sich beinahe wie ein Daumenkino lesen lassen.

Bevor BELLA aber weiter von Sommern, vergangenen und mehr noch von zukünftigen, träumt, möchte sie sich an dieser Stelle mit einem lautgerufenen VIELEN VIELEN DANK verabschieden. Thomas Klupp, langjähriger Mitherausgeber der Zeitschrift, hat die Redaktion verlassen, um sich seiner Diplomarbeit, der eigenen Literatur und den Berliner Fußballplätzen zu widmen. Ohne sein Engagement und Textgespür sähe die BELLA heute um vieles blasser aus. Für die Zukunft wünschen wir ihm das Allerbeste.

Katrin Zimmermann, dem Leser aus den Ausgaben 2 und 6 bekannt, wird fortan die Redaktion komplettieren und dafür sorgen, dass noch viele schöne nächste Sommer auf BELLA und die junge Literatur warten werden.

Herzlich grüßt Sie

Ihre BELLA


TREFFEN Poetiken der Gegenwart